AirSpace in Berlin: Ästhetik des Digitalen

27 Sep ’16 by Sara Community, Other

The English version of this article was first published on DailyBreadMag.

Früher bezeichneten wir diese Orte umständlich als “Tumblr Style”, “Hipster” oder “Instagrammig”. Schon damals, im Jahre 2010, haben wir damit versucht, eine universelle Ästhetik zu beschreiben, die sich in unserer Nachbarschaft verselbstständigte – scheinbar völlig unabhängig von einem Ursprungsort oder einem gedanklichen Zusammenhang. Ein urbanes Phänomen, das keinen Namen trug – bis jetzt. Kyle Chayka bezeichnet es als “Airspace“.

Der Airspace-Look dürfte den meisten Lesern bekannt sein, denn er findet sich in jeder westlichen Metropole und wird spätestens im hippen Café deutlich: abgezogene Betonwände, neu aufgearbeitetes Vintage-Holz und Designer-Möbel, Edelstahl-Kaffeevollautomaten, auf Tafeln geschriebene Menüs mit Kreide, Einweckgläser als Tassen, ein Dekor aus spärlichen Sukkulenten, garniert mit Gegenwartskunst (Neon-Lichtstangen, eingerahmte Poster), und ein grundsätzlich minimalistischer Inneneinrichtungsflair (Gruß an die Bauhaus-Ära!). Essen wird auf Holzbrettchen oder in Retro-Emaille-Schüsseln serviert. Natürlich gibt es kostenloses W-Lan. Manchmal sogar Eames-Stühle.

Sogar das Essen scheint überall sehr ähnlich zu sein. Offene Avocado-Toasts, veganer Carrot cake und selbstverständlich der obligatorische Flat White. Die Bohnen sind alle frisch geröstet und gemahlen, die Sojamilch kostet extra, und im Verhältnis zur Berliner Plörre ist sowieso alles etwas teurer (selbst Filterkaffee wird von Hand aufgebrüht und kostet 4,50 €). Wenn so ein Lokal in der Nachbarschaft eröffnet, reden die Leute sofort von Gentrifizierung.

Das betrifft London, New York und auch Berlin. Dieser spezifische Look wird vor allem auf den jeweiligen Instagram-Accounts der Lokale ausgeschöpft (was zeitgleich auch etwas über die Fotografie selbst auszusagen vermag).

Wie das Netz den Raum gestaltet

Welcome to AirSpace” wurde vor einigen Wochen auf The Verge veröffentlicht. Kyle Chayka analysiert die Merkmale der oben abgebildeten Lokale, und fasst sie als bezeichnende Elemente des sogenannten “AirSpaces” zusammen; ein sozialer Raum, der sich nicht nur auf die Inneneinrichtung von Cafés bezieht. Co-Working Spaces, Restaurants, Vintage Shops und sogar Ferienwohnungen scheinen denselben ungeschriebenen Design-Gesetzen der Gegenwart zu folgen, und zwar auf der ganzen Welt. Chayka sieht eine Verbindung zwischen den vermeintlich individuellen Geschmacksentscheidungen, die mittlerweile ein Massenphänomen geworden sind. Die Elemente des Airspaces, so Chayka, kennzeichneten einen Habitus von distinguiertem Geschmack und einem Mindestmaß an Wohlstand, der sich aus den Gewohnheiten und der Kultur des Silicon Valleys einst ergaben. Kyle Chayka nennt diese typischen Decor-Antworten aber “faux-artisanal”, denn sie beschränken sich nicht mehr auf ihren Ursprung, sondern sind sozusagen so einem “falschen” Handwerk verkommen, dass sich nur noch des Looks – des Airspaces – bedient.

Ich kann jedem die Lektüre des Artikels ans Herz legen, und bin selbst so fasziniert von Chaykas Analyse, weil meine eigene BA-Arbeit zu Beginn des Jahres die Frage des sozialen Raumes im digitalen Informationszeitalter diskutierte. Im Prinzip geht es darum, dass gewisse soziale Räume erschaffen und erkannt werden, selbst dann, wenn man weder gleichen Geschlechts, gleicher Nationalität, gleicher Gemeinschaft oder gleichen Alters ist. Airspace ist ein guter Begriff, um dieses “digitale Geschmackserbe” zu beschreiben, zu dem sich viele (vor allem in Berlin) automatisch hingezogen fühlen. Airspace scheint die Manifestation einer spezifischen Online-Community im physischen Raum zu sein, und wird von denselben Elementen konstituiert, die auch das WWW definieren:

“The homogeneity of these spaces means that traveling between them is frictionless, a value that Silicon Valley prizes and cultural influencers (…) take advantage of. Changing places can be as painless as reloading a website. You might not even realize you’re not where you started”.

Kultur-Konsum: Wie Ästhetik & Individualität vergehen

Kyle Chayka beschreibt, wie AirBnB sich diese ästhetischen Bewegung zu Nutzen gemacht hat – und sich schlussendlich an diesem vermeintlich exklusiven Style selbst verkauft hat. Wo AirBnB einst als das urtypische Millenial-Startup galt, das für Mut und Disruption und Sharing Economy stand, symbolisiert es heute quasi die Fließbandarbeit der Ferienwohnungs-Verwaltung. Der ehemalige Starbucks-Kunde – nicht der avant-garde Silicon Valley Techie! – sucht sich heute nicht mehr das Motel 1, sondern eben ein “authentisches AirBnB”, und möchte natürlich in einer individuellen Umgebung (mit sorgfältigem Craft Beer Angebot) von den Zeichen umgeben sein, mit denen er sich selbst am liebsten assoziiert.

Sobald Starbucks anfängt, in seinen Filialen die Wände abzuziehen, wird das ganze wohl endgültig den Zenit seiner Wertigkeit erreicht haben. Chayka nennt diesen Prozess übrigens “Gentrifizierung”, was sich für mich allerdings unglaublich paradox anfühlt. Ist es überhaupt möglich, Lebensstile (also eben nicht Subkulturen) zu gentrifizieren, die auf der Grundlage von Konsum errichtet worden sind?

In Cafés und Restaurants kann man diese Entwicklung noch als Hype der Gastronomie verbuchen. Bei den vermeintlich authentischen Ferienwohnungen reproduziert sich jedoch der Mythos des Airspaces: statt Sharing-Economy (“du darfst in meinem Haus leben”) entstehen Hotelzimmer im Gewand von Wohnungen. Die Dynamik, die daraufhin entsteht, lässt sich dann am aktuellen IKEA-Katalog ablesen. Die Ästhetik des smarten Silicon-Valley Techies, der sich nicht auf die konservativen Styles versteift, sondern kreative Lösungen für vorherrschende (Design- und Lebensstil-)Entwürfe sucht, ist nun fester Bestandteil der Massenproduktion.

Der Kunde isst, trinkt und genießt eine reproduzierte Erfahrung, welche im Gewand geschmackvoller Individualität daher kommt; inspiriert von Instagram, Tumblr und Pinterest (im Gegensatz zu den Einflüssen der 90er und 2000er, wo noch Film und Fernsehen und MTV diese Rolle übernommen haben). AirBnB stellt mittlerweile recht generische Reiseführer für die Gäste her (“Die besten Tipps unserer Hosts für Madrid / London / Reykjavik), und stellt Apartments auf der Webseite aus, die alle eigentlich gleich aussehen: individuell eingerichtet in einer Mischung aus Industrial-Look und Bougie-Chaos. Wie aus dem Freunde von Freunde x IKEA Katalog bestellt, eine fiktive “Capsule” Edition, auf die ich immer noch warte.

In meiner eigenen BA-Thesis habe ich herausgefunden (in einer nicht-repräsentativen Studie, wohlgemerkt), dass viele Social Media Influencer in Berlin mittlerweile zögern, wenn sie vorgeführter Airspace-Ästhetik begegnen. Sie empfinden es oft als unpersönlich; nicht etwa, weil sie den Stil nicht mögen oder sich nicht damit identifizieren können, sondern weil sie gelernt haben, dass dieser Stil auf Instagram und Facebook regelrecht ausgeschlachtet wird, um Urlaub, Essen und das Lifestyle-Komplettpaket zu verkaufen. Die Influencer gehören zu einer beruflichen Gruppe, die wissen, wie sie visuelle Ästhetik für die Selbstvermarktung nutzen können, um ihre Follower zu erreichen. Mit dieser Kompetenz entsteht ein Zwiespalt zwischen dem persönlichen, nicht-ökonomische Ich, das authentisch und individuell sein möchte, und dem professionellen Marketing- und Werbe-Ich, das alle nötigen Mittel der Aufmerksamkeit nutzen muss, um über Wasser zu bleiben. Die Feststellung: Die Zeichen des Airspaces sind Verkaufsschlager für die Zielgruppe. Die symbolische Exklusivität von minimalem Geschmack ist eine konstruierte Illusion, die sich auf Instagram maximal als steriles “brutalistisches Avocado auf Toast” Stillleben festhalten lässt, und kaum Platz für Soziales hat.

AirSpace Verlassen: Individualität Suchen

Die Reaktion der befragten Teilnehmer war es also, solche Orte als Konstruktionen von Werbung und Ästhetik wahrzunehmen, und sie ggf. zu vermeiden (bzw. andere Orte, die vermeintlich authentischer sind, vorzuziehen – das reicht von den urigen Kneipen bis hin zum Trödelflohmarkt, wo es garantiert keine hippen Sachen zu kaufen gibt). Auch in diesem Kontext konnte sich deshalb Snapchat für meine Interviewpartner als Gegenentwurf zu den Social Media Marktführern – allen voran Instagram – behaupten. Snapchat ist ein schnell vergänglicher, ungespeicherter Moment, der auch über die amateuerhafte Ästhetik der schlechten Video-Auflösung und der eingeschränkten Kameraführung (man muss den Finger auf den Button halten, um zu filmen, und kann keine vorgefilmten Videos hochladen) einen “unverarbeiteten” – also authentischen – Charakterzug bekommt. Snapchat fühlt sich intimer an, weil es vermeintlich als Kommunikationsmittel zwischen Freunden, und nicht als Katalog für Werbetreibende, Top-Models und Cafés gilt.

Auch Chayka empfiehlt die Suche nach dem Anderen, und zwar im geographischen Sinne: Sich doch bitte mehr in die lokale statt in die mobile Welt einzubringen; sich doch lieber einmal für das nicht ganz so schicke Bed & Breakfast zu entscheiden, statt für das perfekte, kurzlebige Apartment.

Aber Chayka tritt damit in dieselbe Falle, die auch den AirSpace als Konsum-Wahrzeichen möglich gemacht hat: Der Drang, immer individuell und anders zu sein, und doch überall eine Gemeinschaft Gleichgesinnter zu finden. Entweder, man gehört zur Airspace-Klasse, oder eben nicht. Soziale Distinktion enthält noch keine immanente Drohung, aber wenn sie ausschließlich über den Konsum praktiziert wird – statt über soziale Beziehungen oder Resonanzen – dann oszilliert man maximal zwischen verschiedenen Marketingfallen, immer auf der Jagd nach neuen Produkten, die etwas über einen selbst auszusagen vermögen (meistens, das man doch ach so kreativ und besonders ist). Aber was heute besonders ist, wird morgen wahrscheinlich schon ziemlich generisch sein. Spätestens aber dann, wenn es als Pauschal-Lifestyle angeboten wird. Denn Lifestyle steht immer zum Verkauf.