Die Schatzerhütte ist das schönste (Berg-)Hotel in Südtirol

Der erste Teil der Sommerferien in Italien: mit dem Auto von München nach Südtirol, dahin, wo alles begann. Und mit alles meine ich vor allem meine Angst vor Serpentinen.
2 Aug ’16 by Sara Travel

Berge mögen für den ein oder anderen dank einer gutbürgerlichen Kindheit, inkl. Ski-Urlaub und sportlichen Aktivitäten, keine Unregelmäßigkeit im Panorama darstellen. Für mich sind sie erst seit einigen Jahren Bestandteil des Reisekonzepts. Nach wie vor besteht bei mir keinerlei Interesse, meine Faszination im Winterurlaub auszuleben, aber im Sommer sind die Berge mein schützendes Refugium geworden. Und es ist der Schatzerhütte auf der Plose – eine Gaststätte und Übernachtungsmöglichkeit in Südtirol – zu verdanken, dass ich mich von meinen Vorurteilen überhaupt lösen konnte (die da wären: altbacken, anstrengend und unkomfortabel). Daher ist es auch kaum weiter verwunderlich, dass ich regelmäßig zu ihr zurückkehre.

Meine Freunde können es schon nicht mehr hören. Jede Empfehlung meinerseits hat etwas mit Südtirol 1 zu tun, egal ob Sommer, Frühling, Herbst oder Winter. Wer mich länger als 3 Tage kennt (und in meiner Gunst steht), der verdreht die Augen, wenn das Wort “Schatzerhütte” fällt. Ich bin kein guter Verkäufer. Mir fehlen ja immer die Worte, um zu beschreiben, warum ein Großstädter hier Ruhe und Frieden finden wird. Es ist ja eigentlich eine ganz einfache Rechnung: Berge, Ausblick, Essen und ein Bett (das man selbst beziehen muss). Und dafür fährt man dann eben auch schon mal etwas weiter weg.

Die Schatzerhütte ist oft der Grund, warum mein Urlaub Richtung Italien (oder Kroatien) geht, denn sie liegt eigentlich nie auf dem Weg. Frei nach dem Motto: was nicht passt, wird passend gemacht.

Wenn man sich die Bilder so anschaut, dann wundert man sich vielleicht, wieso gerade diese Hütte in Südtirol so viel Enthusiasmus wert ist, aber wer schon mal da war (und das waren wiederum auch überraschend viele, die etwas von Genuss und Reisen verstehen), der versteht es eben.

Es ist weder ein besonderes Maß an Luxus, noch an Abgeschiedenheit, noch an Menschen, die diesen Ort zu einem zauberhaften Reiseziel machen; es ist die perfekte Umsetzung der einfachen Dinge. Man kann sagen: die Schatzerhütte hat das Gute am Leben auf die Grundsätze reduziert, und diese wenigen Dinge dann qualitativ perfekt gestaltet. Das fängt bei den Zimmern an, findet seinen Zenit beim Abendessen, und mündet in der Lage mit dem hypnotisierenden Ausblick. Ob man nun wandert, in der Sonne faulenzt oder im Regen Blumen pflückt, ist dabei egal. Um die Aktivitäten geht es hier nicht, nie.

Allerdings muss man hier auch nicht länger als drei Tage verweilen, um Batterien aufzuladen. Ich meine das gar nicht im ökonomischen Sinne – von wegen Energie tanken und weitermachen. Ich meine mit Batterien aufladen eher die Kraft und die Disziplin haben, auch mal ohne Ablenkung durchzuatmen und sich auf die Langweile einzulassen. Gut, ein paar Kandidaten trinken sich durch die Ödnis, aber wenn man sich zurückhalten kann, führt man irgendwann trotz Nüchternheit intensive, philosophische Gespräche mit der Bergformation gegenüber. Nicht, dass ich vom Trinken abraten will, immerhin ist Südtirol ja nicht umsonst ein beliebtes Reiseziel. Der Wein ist gut. Das Herz spielt verrückt. Und selbst wenn man alleine hier ist, badet die Seele in Romantik.

Ja, man wird demütig. Da verbringt man sein Leben in Hektik und auf dem Berg hüllt man sich plötzlich in einen Kokon der annehmbaren Askese, dabei verzichtet man ja de facto auf gar nichts. Man wandert 20 Minuten hoch – ein Spaziergang nach Mitte dauert länger – und fühlt schon, wie der Sauerstoff ausgeht. Das geht ins urbane Mark. Man kommt an und verliert sich in der Güte, in der großzügigen Schönheit der Natur, die man als Luftverpester und Kettenraucher ja eigentlich nicht verdient hat.

Aber der Berg ist Gottseidank für alle da und diskriminiert blasierte Opfer nicht. Ich sag mal so: vom Berg kann man noch was lernen. Und die Schatzerhütte – dank der doch sehr kleinen Preise für das, was man bekommt 2 –  ist auch eine Festung der Offenheit, hier teilen sich Sportler, Familien, Opis und Omis, Yuppies und quasi-Teenager wie wir den Abendtisch und lernen sich kennen. Der Ausblick auf die Dolomiten trägt ganz sicherlich dazu bei, dass man sich besonders demütig fühlt.

Das Gemüse wird im eigenen Garten angebaut und zu einem vollendeten Drei-Gänge-Menü gezaubert. Es gibt kleine Schnäpperkes und Blumen am Wegesrand, und es gibt Kühe, die morgens lautstark vorbeiziehen. Es gibt kleine und große Zimmer, es gibt frischen Holzduft und Tau auf den Fußsohlen.

Das alles gibt’s aber im Gewand der stilvollen Tracht; hier und da mit urbaner Finesse und wunderschönen Vorhängen geschmückt. Dörfliche Gasthöfe und Hütten, von denen ich mittlerweile einige besucht habe, fördern auch oft das “autsch” in “authentisch”. Der alpine Kitsch nimmt überhand. Das ist dann zwra gemütlich, aber auch sehr weit weg von den eigenen prätentiösen Ästhetik-Vorstellungen (und lasst mich ehrlich sein: ich bin kein Anhänger zwanghafter Schönheit, dennoch störe ich mich an deplatzierten Ornamenten und verstaubten Fliesentischen). Rustikal bedeutet eben nicht zwingend, dass etwas auch scheußlich sein muss. Darin unterscheidet sich die Schatzerhütte bei gleichbleibenden Eigenschaften von allen anderen Hütten: Es ist nie zu viel des Guten, genau on-point, fast modisch durch-designed, auch wenn niemand das Wort “Design” für eine Berghütte in den Mund nehmen würde.

So unterscheidet sich eben Konzept von Tradition (das macht sich übrigens auch am traditionellen Essen bemerkbar, das “einfacher” gar nicht sein könnte; bis man dann herausfindet, dass der Besitzer der Schatzerhütte, Franz Pernthaler, in einer Michelin-Sterneküche gearbeitet hat). Die Südtiroler Küche bleibt natürlich südtiroler Küche, aber der feine Unterschied macht sich beim Gourmet – und vor allem im Vergleich – eben doch bemerkbar. Auch das Frühstück besteht nur aus Wurst-Käse-Szenario, einem Filterkaffee, etwas Marmelade und selbst gemachtem Brot. Und das reicht dann auch, denn es ist köstlich. Da ist keiner traurig um die kleine Auswahl. Schade, dass das Leben nicht immer und für alle so ist. Schade, dass wir in der Stadt aus Plastik essen müssen, weil regional und lokal und einfach teilweise unbezahlbar (oder zeitlich nicht machbar) sind.

Es gibt einen Haken: der Weg ist zu weit. Die Strecke Berlin-Schatzerhütte ist nicht unüberwindbar, aber auch nicht gerade um’s Eck in Brandenburg gelegen. Daher musste der Besuch strategisch genau auserkoren werden: als erste, wohlverdiente Übernachtung auf dem Weg in den italienischen Sommer.

Schatzerhütte,39040 Afers, Italien+39 0472 521 343
  1. Das Meraner Land habe ich zuletzt im Mai besucht
  2. wir haben 70 Euro pro Nacht in den neuen, großen Zimmern mit Ausblick bezahlt

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