#BERLINKISSES: Kommunikation auf den Wänden Berlins

Berlin ist ein Irrenhaus mit schwarzem Brett, wo jeder scheinbar einen Platz hat, um mal kurz Luft abzulassen. Mal abgesehen von den Irren und Idioten, die den ganzen Tag an öffentlichen Plätzen herum kreischen, ist die Stadt auch vollgeschrieben: mit willkürlichen Nachrichten. Auf Häuserwänden und U-Bahntüren, auf Brücken und Straßen. Das geht über politische Statements oder Graffiti-des-Graffitis-Wegen manchmal hinaus. Was da zusammen kommt, ist eine Konversation über Zeit und Raum hinweg: die #berlinkisses.
28 Jul ’16 by Sara #berlinkisses

Stefan hat einst seine Archive mal durchwühlt und seine Lieblinge zusammengestellt. Darauf hin hatte ich einen Trigger-Moment, denn mir fiel auf, dass ich diese Sprüche und Notizen der Stadt selbst mehr oder weniger unterbewusst über die Jahre hinweg gesammelt hatte. Fortan sollten sie aber einen Namen bekommen: #berlinkisses1; ein Hashtag, der niemals trendete :’)

“The practice of writing on walls is so universal that it almost qualifies as a human characteristic. It is done everywhere from third-world villages to affluent cities. People were scratching their names in plaster a century ago, as a visit to many old tourist sites will confirm (indeed, for sheer destructiveness, the Victorians are hard to beat). Graffiti adorned 18th-century Parisian lavatories, medieval Norwegian churches and the walls of Pompeii, which was buried under ash in 79AD.” 2

Warum schreiben Berliner so gerne auf ihre Häuserwände? Und was unterscheidet die #berlinkisses (meiner persönlichen Definition nach) von konventionellem Graffiti?

Bathroom Graffiti und Stadt

Der Atlantic hat das Thema “Bathroom Graffiti” mal aufgegriffen um diese soziale Praxis der vermeintlichen Unsinnigkeit einen Sinn zu geben und die Motivation dahinter besser zu verstehen. Ich denke, Bathroom Graffiti kommt den Sprüchen der Stadt schon am nächsten.

When you write on a bathroom wall, “you have a staggeringly diverse audience,” Matthews points out. “Many different races, classes, all walks of life, (…)”

Das lässt sich auch wunderbar auf die Stadt anwenden: Man kann der Nachricht nicht aus dem Weg gehen. Gerade in urbanen Umgebungen kann es schwer sein, sich selbst in der Masse erscheinen zu lassen. Ein Spruch, an die Wand verewigt (Bis zum nächsten Buff), ist nicht nur ein touristisches “Ich war hier”, sondern ein “Ich werde zwangsweise gehört”. Von jedem, der vorbei läuft, dem Klasse, des Alters und dem Geschlecht zum Trotz. Natürlich steckt auch ein politischer bzw. machtkonstituierender Aspekt dahinter, der Graffiti seit jeher zu einem starken Werkzeug macht, um kontemporäre Konflikte (in- und außerhalb der Stadt) zu verstehen und kontextuell einordnen zu können. Das Graffiti ist quasi des armen Mannes Partei, Tageszeitung, und Rebellion.

Unterdrückte Meinungen und Propaganda, und die erwähnten politischen Missstände werden im Nachhinein zu wichtigen Zeitdokumenten, in denen anonym (aber mit Kraft) Vandalismus zum Sprachrohr wird.

“As explained in a previous section, the idea of modern graffiti art came from a rejection of authority and the ruling class, turning the worker into a “commodity” that has no personal feelings or need for self-expression. In response, artists took to public walls to express their frustration. Their argument is that the walls are part of the community, and members of the community should decide what is displayed on public walls, not outsiders.”3

Vor allem symbolisiert (diese Art von) Graffiti: Raum. Raum, sich auszubreiten, Raum, der nicht (ständig) überwacht wird, Raum, der polysemantisch überlagert werden kann, selbst dann, wenn er eigentlich funktionell einem anderen Zweck zur Verfügung steht. Man schafft sich nicht nur Platz und Gehör für einen witzigen Spruch, sondern man demonstriert Platz und Gehör;  einem dichten Raum, der maximal zum Verkauf steht, zumeist nicht an die Mitglieder der Gemeinschaft, sondern an den Höchstbietenden. Das funktioniert in der Werbung ja ganz gut – deshalb sind unsere Städte ja auch vollgepflastert mit aufdringlichen Plakaten.

Die Mauer muss weg

Vieles, was da auf den Wänden steht, ist Teil einer ständig weitergeführten Konversation, die eigentlich nicht geführt werden soll. Aber die Wände selbst, die eigentlich ein Mittel der Kontrolle, Einordnung und Restriktion sind, werden dadurch beweglich: die Worte, die auf ihnen stehen, sind physische Horizonterweiterungen. Die Wand wird durchbrochen. 4

Dadurch entstehen wiederum auch soziale Beziehungen mit denjenigen, die in ihrem Alltag vorbei laufen. Der “Writer”, in diesem Fall also derjenige mit dem bestechenden Einfall, wird zum sozialen Agenten: er stößt das Gespräch an, das womöglich sowieso schon längst geführt wird, über Mauern und Wände hinweg.

Ähnlich wie andere urbane Praxen – etwa das Schuhe-Über-Masten-Werfen, oder das Urban Exploring in verlassenen Gebäuden – zeigt das führen dieses öffentlichen Gespräch aber auch eine gewisse urbane Kompetenz. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen legeren Sprüchen und großen Pieces; der Kraftakt selbst und das Wissen, um Strafanzeigen zu vermeiden, sind in großen Aktionen nicht zu unterschätzen.

Der Blog ShittiGraffiti hat das Konzept von hin gerotzten Sprüchen auch vor einiger Zeit mal (über Berlin hinweg) aufgegriffen. Dadurch wird der konzeptionelle Unterschied zwischen dem “professionellem” Graffiti und dem “gemeinschaftlichen” Graffiti auch noch mal verdeutlicht. Das Graffiti im großen Stil, das kriminalpolizeilich verfolgt wird und überaus oft mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung gesetzt wird, ist die Praxis einer Szene, die den Rest der Stadt ausschließt um ihr Werk zu verfolgen. Im Gegensatz dazu sind die kleinen Küsse an den Wänden einladend. Damit entsteht im besten Fall ein Gemeinschaftsgefühl, denn bei dieser Konversation macht automatisch jeder mit, der lesen kann.

Berlin Mit-Gestalten

In Berlin, insbesondere in Kreuzberg und Friedrichshain, funktioniert die Kunst der Küsse eben nicht über unüberlegte Graffitis – jedenfalls nicht ausschließlich-, sondern tatsächlich über literarische, teils satirische, teils absurde Statements, die an einen verwirrten Poetryslam erinnern. Die Akteure demonstrieren nicht nur Unzufriedenheit, sondern die gestalten ihre Umgebung mit urbanen Weisheiten – ganz ohne finanzielle Mittel. Die Stadt wird zum Ausstellungsraum, nicht nur für Identitäten, die an Kleidung oder andere Hinweise gebunden sind, sondern auch für Gedanken, die sich ihren Weg durch die Stadt bahnen.

Normalerweise werden öffentliche Orte nicht nur von denjenigen konstituiert, die sich ihn ihm aufhalten, sondern vor allem von denjenigen, die die Macht und Mittel haben, ihn zu gestalten. Deshalb ist es ja auch so frustrierend, ständig in Werbeplakate reinzulaufen, oder zu zu sehen, wie weitere kommerzielle Angebote den kostbaren Wohn- und Gemeinschaftsraum einnehmen. Wer an eine Wand in Berlin stößt, die Gedankengut enthält, der stößt nicht auf eine Grenze, sondern auf eine Möglichkeit, genau diese restriktiven Mächte durch kleine rebellische Akte zu überwinden (der Sachschaden hält sich dabei in Grenzen). In gewisser Art und Weise wird in Berlin damit immer noch (und sehr häufig) die Frage aufgeworfen, was öffentlicher Raum eigentlich ist.

Für Berlin bedeutet das in gewisser Weise Freiheit, die in anderen Städten schon längst nicht mehr ermöglicht wird. Wenn jeder Toy und Keck irgendeinen Spruch an die Wände klatschen kann – und nicht etwa ein hart-erarbeitetes Piece an einer unglaublichen Stelle – dann ist Berlin verhältnismäßig gut dran. Die Gemeinschaft arbeitet daran, sich zu äußern. Das ist notwendig, denn das reisst die Grenzen ein, die so oft im materiellen Alltag entstehen.

sk_20120906-0017
  1. Im Gegensatz zu den Notizen von "Notes of Berlin" etwa sind #berlinkisses tatsächlich auf Wände geschriebene, im Prinzip also illegale "Notizen"; es ist, meiner Meinung nach, diese Eigenschaft der Illegalität bzw. der Kraftakt, der teilweise dahinter steckt, der diese soziale Praxis so absurd macht.
  2. http://www.economist.com/node/3445153
  3. https://www.graffiti.org/faq/werwath/werwath.html
  4. (vgl. At the Wall: Graffiti Writers, Urban Territoriality, and the Public Domain)

One comment

  1. saubere wände – teure mieten