Weißensee: Eine Zeitreise

"Früher": das ist in Berlin nicht nur eine Referenz an die Zeit, sondern auch an den Ort. Eine Zeitreise nach Weißensee.
26 Jul ’16 by Sara Community

Wir stehen in einem wunderschönen Garten in Weißensee. Stand einfach so offen. Der Garten ist leer, aber gepflegt: wilde Blumen und Beeren wachsen. Nackte Skulpturen mit überaus hohem Creep-Faktor sind auf den Rasen gesprenkelt. Es ist ein Tempel- der Shri Wadim Shakti Tempel, wie sich herausstellt.

“Früher gab’s hier immer sone Orte, bevor die scheiss Wichsers gekommen sind und alles zugebaut haben”.

Während ich zwischen Apfel- und Pflaumenbäume stampfe, denke ich über die Wichsers nach. Stimmt natürlich: Früher 1 konnte man von Neukölln bis Mitte zauberhafte Orte aufspüren. Das magische Jahr 2008, mein persönliches Früher.

Das scheint heute ganz anders zu sein: Open Airs gibt’s nicht mehr, es wird nur noch vom Clubsterben geredet, in Mitte wehen nach 20 Uhr die Heuballen durch die geleckten Straßen, besetzte Häuser sind Museen, Yuppies verdrängen ärmliche WG-Studenten von ihren neusanierten Dachterrassen. Es ist alles nicht mehr so, wie es einmal war, und das ist nur schwer zu bestreiten. Deutscher Rap UND Berlin liegen auf dem Rücksitz am verbluten.

Damals In Berlin Dot Com

Kann man jetzt natürlich nicht ansprechen, ohne die Rolle eines Berlin-Blogs – in der repräsentativen Rolle der Medien – in diesem Kontext  zu thematisieren.

Kurze Geschichte: Ich hab damals die großstädtische Passiv-Aggressivität – wie so viele Dorfpommeranzen – für Weltoffenheit und Toleranz gehalten. Berlin: Endlose Weiten. Friedrichshain-Kreuzberg: dreimal so groß wie meine Heimatstadt. Damals gab’s noch kein Instagram, da musste ein Blog her, um der Welt zu zeigen, wie schön’s doch hier ist. Vor allem entgegen der ganzen alten Säcke, die mir ständig erzählen wollten, wie viel besser Berlin eben in deren früher gewesen war, also so zwischen 1995 und 2005, je nachdem, mit wem man sprach. FindingBerlin wurde mein eigener kleiner Protest gegen die vergreisende Stimmung.

Aber irgendwann wird aus Idealismus Routine und aus persönlichen Erlebnissen Verwundbarkeit. Berlin zu finden – Berlin zu entdecken – sollte ein Portrait urbaner Möglichkeiten, nicht touristischer Richtlinien werden. Das Konzept ist nicht aufgegangen. Dafür gibt es viele Gründe. Der Kapitalismus, das Bienensterben, saudiamerikanische Investoren, steigende Mieten, man kennt die Volkskrankheiten. Ich bin auch schuld, aber nicht, weil ich ein Hipster™ bin – bitte hört auf euch mit der Verwendung dieses leeren Begriffes zu blamieren – sondern weil ich irgendwann selbst nicht mehr so genau wusste, was Berlin so spannend und lebenswert macht. Es ist ja auch nicht immer spannend und lebenswert, und schon gar nicht, wenn sich der Mythos anhand von eingezäunten Erlebnissen und Marketingkampagnen und ja, auch Blogs und Instagram-Accounts, selbst reproduziert. Ohne greifbare Inhalte, ohne den sogenannten Spirit. Wo ist der eigentlich geblieben – oder gibt’s den nicht mehr?

Das echte Berlin

Sonntag, 16 Uhr. Weißensee ist voll. Alkoholisch gesehen. Egal ob am See selbst – “Görlitzer Park mit Wasser” – oder in den verstaubten Eckkneipen an den Straßen, die Leute. Sind. Dicht.

“Hier sieht’s echt noch genauso aus wie damals, als ich hier aufgewachsen bin”, sagt meine Stadtführerin 2

Wir könnten uns den ganzen Tag hinsetzen und zuhören und -gucken, und uns dieser explosiven Mischung erfreuen. Kinder, Eltern, Spießer, Trottel, Rentner, Studenten, Arbeiterklasse, Hartz 4, Pärchen, Touristen, Yuppies, Spanier, viele kackende Hunde, ein paar hässliche Enten und bestimmt gleich eine Prügelei. Mindestens 1 Rainbowschwan.

Ist das das echte Berlin? Was ist das für eine Frage.

Es gab bisher keinen Grund für mich, nach Weißensee zu pilgern. Ich hasse Seen. Stehende Gewässer sind für eine arabische Prinzessin nichts. Es muss Meer oder Jacuzzi sein, dazwischen geht weder Badewanne noch Tümpel. Es ist IHR echtes Berlin. Die Erinnerungen anderer ist mein FindingBerlin. Jemand, der mir sein Berlin zeigt – und bereit ist, nach 30 Jahren hier, immer wieder Gefallen an der Schnodderschnauze und an den Geschichten der Stadt zu finden. So jemand – wir – können uns sowohl an den öffentlichen Plätzen als auch an einem neuen Restaurant erfreuen. Wo ist der Widerspruch? Das echte Berlin sind die Menschen, die sich dort treffen.

Das Problem (etwa bei diesem Blog) ist die aktive Suche nach dem Neuen. Reiseführer dürfen nicht unberechenbar sein. Sie müssen aktuell sein. Das funktioniert für Vieles, aber nicht für das, was Berlin ausmacht: die Möglichkeit, alles zu sein. Es wird trotzdem ständig versucht, Geschichte, Authentizität und Unberechenbarkeit einzuzäunen, nur um festzustellen, dass man das ganze Wesen einer Sache damit verändert und ggf. zerstört. Man denke da an den Teufelsberg; schade, jetzt wird mal wieder Graffiti eingerahmt. Selbst Touristen erkennen irgendwann, dass die Begegnung mit dem echten Berlin fehlt – und das sind meist die Menschen, die hier leben und dem ganzen Medium auch ‘ne Message geben.

Meine Freunde zum Beispiel3, einen Haufen Menschen, den ich so wild durchmischt an keinem anderen Ort der Welt getroffen hätte.

Jetzt: Bisschen Rückbesinnung auf die urbanen Grundsätze “Spontanität” und “Soziale Räume”. Das bedeutet, dass es eben unberechenbar ist. Urbanität kann man nicht planen. Man muss der Stadt auch im Jahre 2016 eine Chance geben, sich vor einem auszubreiten. Und versuchen, sie mitzugestalten.

Dein Berlin ist nicht mir nicht egal

Nachdem wir einmal um den See gelaufen sind, radeln wir wieder zurück. Ich geh da eh nicht rein, da kann man mir wirklich mal zurecht vorwerfen, ich sei spießig. Aber ich nehme nicht für alles die Verantwortung. Der Untergang von Berlin und die Verdrängung der sozial Schwachen aus dem Zentrum – dafür kann ich leider nichts, trotz Blog und Instagram. Denn was die Gentrifizierung angeht: die hat mich längst abgehängt.

Die ökonomisch-kulturelle Totgeburt rund um Mitte herum ist nicht auf meinem Mist gewachsen, die ungebremste Mietenerhöhung auch nicht. Die Leute, die heute alt genug sind, um was davon mitzubekommen, waren in den 90ern anscheinend am Dauerraven, als Politik gemacht wurde. Berlin hätte eine reformierte Idee von Stadt sein können, ist jetzt aber mit den Betonbunkern, den Townhouses und den Seifen-Boutiquen eine weitere Horrorstory der Stadtentwicklung. Man muss vielleicht ein paar Jahre älter werden, um die Zusammenhänge zu verstehen; auch ich sah Berlin nicht als zu Hause, sondern als Kinderparadies, aus dem man irgendwann halt abgeholt wird. Aber das rechtfertigt trotzdem nicht die pure Borniertheit, die sich hier so manch ein vermeintlicher Berliner leistet. Da wird im ganz großen Stil soziales Ausschlussverfahren praktiziert, da bekämpfen sich arme Menschen mit Einkommensunterschieden von 700 Euro Netto gegenseitig. Die Latte Machiatto Muttis nehmen den Medizinstudenten die Wohnungen weg, die Start-Up-Angestellten verdrängen die Musiker und Künstler aus ihren Lieblingsclubs, Lehrer, Journalisten und Fashionblogger werden von Linksaktivisten als Hippies und Hipster beschimpft. 4

Die einen machen die unzurechnungsfähigen, dauerbesoffenen Expats und Touristen verantwortlich, die anderen die süddeutschen Zugezogenen.

Ich persönlich schiebe die Schuld auf die Politik und die Erlaubnis, unglaubliche Platzverschwendung beim Bau von SHOPPING CENTERN zu betreiben, eine Idee, die eigentlich schon Ende der 90er Jahre zurückgefickt und abgetrieben hätte werden sollen.5

Dass aber überhaupt kein Platz mehr da ist, das halte ich für eine schwerwiegende und überaus egoistische, sehr arme Sichtweise von Stadtleben. Speziell in der Hauptstadt der Bundesrepublik, wo man meckert, weil man sich alleine keine 100qm-Altbauwohnung mit Dachterrasse für 300 Euro im Monat leisten kann, so wie FRÜHER, als auch damals schon im Rest der Welt die Menschensuppe am überkochen war. Da klettern Menschen übereinander in London und New York und Paris, um am Leben zu bleiben, und andere klettern aus Bauruinen und legen ‘nen lebensgefährlichen Triathlon zurück, um es irgendwo hin zu schaffen, wo man nicht Angst vor Bomben haben muss, aber Hauptsache “Ohne Balkon taugt mir die Wohnung nix”.

Gefunden in Weißensee. #berlinkisses

Gefunden in Weißensee. #berlinkisses

Das neue Berlin

Vielleicht ist es ein bisschen viel verlangt, dass eine Metropole sich nicht verändern darf.

Wir haben uns damals getraut, unsere engstirnigen, rechtsradikalen oder bornierten Dörfer zu verlassen, um woanders mit Gleichgesinnten bei einem Open Air drei Tage lang zu feiern, dass wir sein dürfen und auch maximal sein können. Daran wird sich in Berlin so schnell nichts ändern, aber vielleicht äußert sich Freiheit für die kommenden Generationen nicht in diesen, sondern in anderen Dingen.

Selbst, wenn die Mieten in die Höhe schießen und hier ein schönes Café nach dem anderen eröffnet, heißt das nicht, dass die Werte dieser Stadt verloren gehen müssen – es sei denn, man lässt sie. Wenn die Studenten und Kulturtouristen hier nicht mehr billig saufen können und stattdessen nach Athen und Detroit pilgern, können die ewig jammernden Zurückgebliebenen weiterhin für Offenheit und ja, Platz kämpfen. Und diejenigen, die neu kommen – die kann man an die Hand dahin führen statt plakativ auszugrenzen. Die meisten kommen nicht, um zu zerstören, sondern um Teil zu sein.

Die Angst, Berlin könnte vergreisen und innerlich austrocknen – gefährlich. Vor allem, wenn der daraus resultierende Hass sich eben nicht auf die systematische Diskriminierung und Benachteiligung bezieht. Es gibt so manch einen “Berliner”, der gerne wieder eine Mauer um seinen Kiez hochziehen würde – aus Angst, dass die hippen Leute herkommen und einem das Leben wegnehmen. Und das nennt sich Großstädter…

Die Stadt braucht nicht weniger Menschen – sie braucht mehr Begegnungen. Dazu gehören auch Künstler, auch Muttis, auch Yuppies – auch Arme, auch Besoffene, auch Moslems, auch Geflüchtete. Es muss Chancen geben, die Stadt am Leben zu halten. Dabei geht es nicht nur um die Menschen, sondern auch um die Plätze, die für – oder eben auch gegen – sie gebaut werden.

Mag ja sein, dass die alle nerven, aber mein Gott; machen sie wirklich Berlin kaputt? Das einzige, was Berlin kaputt macht, ist der ständige Hass auf Leute, die herkommen, um Freiheit zu finden – seien sie Kriegs-, Wirtschafts- oder Kulturflüchtlinge. Ja, auch die Liberal Arts Students, die ihr Leben nicht mit malochen verschwenden wollen. Hier ist Platz für alle, sogar für einen kleinen Tempel irgendwo in Weißensee und sogar an dem klitzekleinen Tümpel, in den ich nicht reinspringen werde.

Gibt’s in Weißensee eigentlich eine Mall?

Die gibt’s in Weißensee bestimmt auch, aber ich habe sie dort nicht gesehen. Stattdessen rote Backsteinhäuser. Kinder, die Fußball spielen. Aber nicht die verführerische Seite von Berlin, die einen dazu bewegt, zu bleiben.

Das Berlin gibt es nicht in Weißensee.  Mein Berlin. Das Berlin, das ich meine, liegt mittlerweile schon um 20 Uhr auf der Couch und guckt fernsehen.

Es war Zauberschön. #berlinkisses

Es war Zauberschön. #berlinkisses

Mein Berlin ist alt geworden. Mein Berlin – dieses labile Konstrukt, dass aus Freunden, ein paar Clubs und Bars, ein paar Wohnungen, ein paar Club Mate und die Spree und Köfte und Burger und Fahrrad fahren besteht. Früher haben wir jedes Open Air abgeklappert, heute sind wir auf der Suche nach dem besten Pistazien-Eis. Oder schönen Friedhöfen (ich möchte mich vorbereiten). Und nicht, weil es die Gelegenheiten der Freiheit nicht mehr gibt, sondern weil wir niemanden kennen, der weiß, wo diese wären. Daran ist nichts neues. Wer sich darüber aufregt, dass in Berlin nix geht, der sollte halt nicht unter den Facebook-Events gucken. Wer wirklich glaubt, in Berlin geht nichts, der hat vielleicht einfach keine 20-Jährigen Freunde mehr. Das bedeutet nicht, dass man den Nachzüglern die Tour vermiesen muss, indem man sich blockierend vor die Tür stellt, so wie ein richtiger süddeutscher Reihenhausspießer, der “FRÜHER!!” schreit.

Früher: das ist in Berlin nicht nur eine Referenz an die Zeit, sondern auch an den Ort. Früher, das ist das, was man in Weißensee dann noch sieht: kunterbunte Menschen und Kneipen, die aufeinander klar kommen. Ah, ein richtig beschauliches Dorf, ein bisschen verarmt, ein bisschen verhärmt- das ist unser Berlin!

Früher ist all das, was die Zugezogenen angeblich den Alteingesessenen klauen. Wer so denkt, der hat seinen Berlin-Aufenthalt vermutlich überzogen.

 

Weißensee
  1. ich meine nicht das Früher™ der alt-eingesessenen Ur-Berliner, die mit Pilsator-Flaschen nach Zugezogenen werfen und sich als Trümmerfrauen der Berlin-Kultur sehen, weil sie mal 1996 auf einem Industriegelände mit anderen Deutsch-Berlinern ohne Geld zu Dr. Motte getanzt haben BEVOR ES ARM ABER SEXY WAR
  2. eine Ur-Berlinerin der Sorte "laissez-faire", meine Lieblingssorte Mensch, schön mit Icke und Ditte und all das, und genau die Type Mensch, die man sich mal ins Dorf wünschen würde, um den Leuten zu zeigen, dass Offenheit nichts mit schicker Linkspolitik oder Gutmenschsein zu tun hat
  3. Grüße gehen raus an Maggi, Nico, Maria, Martin, Nadine, Matthias, die ich erst durch FindingBerlin kennen gelernt habe und alle die ich vergessen habe
  4. Im gleichen Atemzug über Touristen und Expats schimpfen, wenn die Zweitkarriere als Untervermieter auf AirBnB besser läuft als der Erstjob - sorry, ich lach mich mal kurz tot.
  5.  In Friedrichshain wird bald neben der Mercedes-Benz-Arena eine Mall eröffnen. Nicht, dass das jemals mein liebster Teil Berlins gewesen wäre, aber das hat sogar Friedrichshain nicht verdient. In Neukölln gibt's dann auch bald ein neues Design-Shopping-Center. Primark für Besserverdiener. Mehr Malls, und das in einer Stadt, die es eigentlich besser wissen sollte. Vielleicht mal den Hass da hin steuern - dann kann ich endlich mithassen. Nicht wegen den Besserverdienern, sondern wegen der Platzverschwendung. Die Magie der Begegnung wird zu einer Dauerausstellung: Für 10 Euro sehen sie das echte Berlin!