Wohnung tauschen in Berlin Lohnt sich die geplante Tauschbörse des Berliner Senats?

5 Apr ’18 by Sara Community, Other
Ende des Jahres soll es eine offizielle Tauschbörse für landeseigene Wohnungen geben. Aber Wohnungen tauschen geht auch jetzt schon. Wie sieht das in der Praxis aus?

„Eigentlich hatte ich gar keine neue Wohnung gesucht“ ist ein sehr unwahrscheinlicher Satz in Berlin, und doch wird er an einem sonnigen Tag im März von meiner Freundin Lia ausgesprochen. Wir sitzen in ihrer neuen, frisch renovierten Bleibe im heißesten Kiez Kreuzbergs. Sonniger Altbau, genau in jenem ansprechenden Design-Limbo der mutigen Unfertigkeit eingerichtet, das man einer jungen Kreuzberger Familie zutraut – understated, aber gemütlich. Drei große Zimmer, Badewanne, viel Platz für das kommende Baby, bezahlbare Miete: kein Wunschdenken, sondern Wohnungstausch.

Wie tauscht man in Berlin seine Wohnung?

Ein Wohnungstausch ist vor allem für Leute sinnvoll, die sich vergrößern oder verkleinern möchten, ohne mit dem – gefühlt – ganzen Rest der Welt zu konkurrieren. Das hat auch das Land Berlin unter Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) erkannt, die derzeit an einer offiziellen Online-Wohnungstauschplattform arbeitet. Erst einmal sollen nur landeseigene Wohnungsbaugesellschaften an der Online-Börse teilnehmen, später können auch private Eigentümer dazu. Laut Berliner Kurier heißt es, „dass bei einem Tausch jeder Partner seine Mietkonditionen mitnimmt – was am Ende bedeutet, dass die Miete beider Wohnungen gleich bleibt und keine Neuvermietungs-Preise aufgerufen werden.“ Für Geringverdiener und Senioren, die einen Umzug scheuen, soll es zusätzlich auch finanzielle Unterstützung für den Umzug geben – von maximal 2500€ ist die Rede. Die Plattform des Senats soll Ende des Jahres starten.

Über Portale wie tauschwohnung.com gibt es für Interessenten auch jetzt schon die Möglichkeit, ihre private Wohnung zum Tausch zu inserieren und über einen Matching-Algorithmus passende Angebote einzuholen. Den Rest klären die Mieter untereinander. Dario und John, die Betreiber von tauschwohnung.com, führen die Seite schon seit 2015 und sind große Fans vom Tauschkonzept. Doch ganz so einfach ist es nicht: „Weil vorrangig Mietwohnungen getauscht werden, müssen die Tauschpartner darauf achten, den Vermieter mit einzubeziehen.” Denn: beim Wohnungstausch werden meistens nur die Wohnungen, aber nicht unbedingt die Verträge getauscht. Interessenten müssen damit rechnen, dass die Miete bei Abschluss eines Neuvertrages erhöht wird. „Die meisten Vermieter sind Wohnungstauschern gegenüber positiv eingestellt und im Endeffekt froh, dass die Wohnung gar nicht leer steht oder sie einen Makler beauftragen müssen“, so Dario und John.

Lia beim Renovieren der Wohnung

Lia in ihrer neuen Wohnung

Und zumindest bedeutet das nicht in jedem Fall, dass die Miete erhöht wird: „Auch für den Vermieter ist der Wohnungstausch mit Zeit- und Kostenersparnis verbunden.“ In den meisten der beliebten Berliner Kieze (die meist-gesuchtesten Stadtteile in Berlin [auf tauschwohnung.com] sind in absteigender Reihenfolge Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg, Mitte, Prenzlauer Berg, Tempelhof, Friedrichshain und Charlottenburg) kann auch die Mietpreisbremse genutzt werden, um krassen Erhöhungen zu widersprechen.

Wohnungstausch in der Praxis

Lia jedenfalls wohnte in einer 2-Zimmer-Wohnung im beschaulichen Neukölln, als sie die Anzeige für einen Wohnungstausch über ihren Facebook-Stream flimmern sah. „Ich hatte den Markt immer im Blick, auch wenn ich nicht aktiv suchte”, lacht sie. “Das war reine Neugier – ich wollte wissen, wie die Preise liegen. Mein Freund und ich wollten aber sowieso irgendwann zusammen ziehen. Die Anzeige stach hervor, weil die Frau genau nach dem suchte, was ich hatte.“

Insgesamt wollen 51% mehr Zimmer, 32% weniger Zimmer und 17% gleich viele Zimmer. In Berlin wollen 58% mehr Zimmer, 26% weniger Zimmer und 16% gleich viele Zimmer. Statistiken von tauschwohnung.com

Lia hatte etwas, das für aktuelle Verhältnisse sehr gut war: eine kleine, feine und sanierte Wohnung mit Balkon und bezahlbarer Miete – “Ich konnte das nicht einfach ignorieren!“ – während ihre Tauschpartnerin in spe das hatte, was sich viele junge Familien wünschen: mindestens 3 Zimmer in einer ordentlichen Nachbarschaft, der heilige Gral auf dem Berliner Wohnungsmarkt.  Laut Statistiken von tauschwohnung.com wollen in Berlin 58% der User mehr Zimmer, die häufigsten Such-Formation ist 2 zu 3 Zimmer (21% in Berlin, 17% Deutschlandweit).

Nachdem man sich gegenseitig beschnuppert hatte, war schnell klar, dass dem Wohnungstausch nichts mehr im Wege stand. Auch die Vermieter waren schnell überzeugt, allerdings mit der weiterhin bestehenden Auflage, dass die Papiere stimmen müssen. Der Vorteil liegt klar auf der Hand: man konkurriert mit niemandem um die Wohnung. „Es gibt keinen besseren Job oder ein höheres Einkommen, die vorgeschlagen werden können. Man muss keine Obstkörbe mitbringen und sich demütigend casten lassen.“

Den Frust der Wohnungssuche kennt wohl jeder Berliner, zugezogen oder alteingesessen, der in den heißen Kiezen versucht hat, etwas bezahlbares zu finden, das nicht gegen die Menschwürde verstößt. Da muss man sich teilweise mit Anwälten, Ärzten und Bankiers um eine günstige 2-Raumwohnung schlagen.

Der ganze Prozess läuft dann so problemlos oder schwierig ab, wie ihn die Hausverwaltung für die Parteien gestaltet. Ein Anruf genügte in Lias Fall, um zu wissen, ob (und in welchem Maße) die Miete erhöht wird; dann wird auch schon direkt im nächsten Schritt der Nachmieter vorgeschlagen. Wird er akzeptiert, „ist das wie ein 6er im Lotto“. Kündigen mussten die jeweiligen Parteien nicht, wie normalerweise üblich, drei Monate im Voraus, sondern erst bei der Vertragsunterzeichnung.

„Das war aber auch krass. Ich musste ihre schriftliche Kündigung zu meiner Vertragsunterzeichnung mitnehmen und sie meine zu ihrer. Sie hatte ihren Termin aber einen Tag vorher als wir. Wäre das aus irgendeinem Grund schief gelaufen, hätten wir auch ohne Dach über dem Kopf dastehen können. Es ist auch eine Vertrauensfrage.“

Beide – Lia und ihr Freund, sowie die Tauschpartnerin – sind mit einem guten Gefühl aus der Sache gegangen. Der Eklat folgte dann später, bei den parallel ablaufenden Umzügen (ein logistisches Unterfangen, das man bei einem Tausch natürlich in Kauf nehmen muss). „Wir haben meine Wohnung in einem perfekten Zustand hinterlassen – die Putzfrau war extra noch da.“ In der neuen Wohnung, die 16 Jahre belebt war, sah es jedoch ganz anders aus, und es folgten immer weitere Auseinandersetzungen (Telefonverträge, Abstandszahlungen und so weiter), die genervt haben. Lia hat aus ihren Erfahrungen gelernt. „Wir hatten viel abgesprochen, aber am Ende kam es doch anders. Wenn ich anderen Tauschinteressierten eins raten kann: alles aufschreiben und unterzeichnen lassen, jede noch so kleine Kleinigkeit.“

Illegal tauschen?

Es gibt auch Leute, die „illegal“ Tauschen, um der Mieterhöhung auf beiden Seiten aus dem Weg zu gehen. Aber das kann nicht nur dann schief gehen, wenn die Hausverwaltung Wind davon bekommt.

Lia erzählt mir, dass die Tauschpartnerin bereits jahrelang auf der Suche nach einer passenden, kleineren Wohnung gewesen war. „Sie konnte sich als Kreative die Miete ganz alleine nicht mehr leisten, hat zwischendurch mal untervermietet und schließlich illegal getauscht. Das ging aber kräftig in die Hose, als ihre Tauschpartnerin unabgesprochen ausgezogen ist und die Wohnung untervermietet hatte. Die neuen Untermieterinnen – also völlige Fremde – wussten nicht mal, wer die eigentliche Mieterin ist, als sie mit ihrem Anspruch anklopfte. Es war nur der einsichtigen Hausverwaltung zu verdanken, dass sie wieder zurück konnte. Aus Jähzorn haben die „Besetzer“ dann haufenweise Zeug gestohlen.“

Lohnt sich der Wohnungstausch überhaupt?

Die Idee des Wohnungstausches ist nicht neu. Bereits in der DDR gab es die Möglichkeit, eine große Wohnung gegen zwei kleinere zu tauschen, wenn die ausgewachsenen Kinder das Haus verließen. Und auch im Lichte des demografischen Wandels ist eine vereinfachte Möglichkeit der Wohnungssuche sinnvoll, um soziale Stabilität in den Kiezen zu gewähren. Außerdem könnte ein Inserat die blasierten Städter dazu motivieren, endlich ihre viel zu großen Wohnungen zu verlassen und an jene abzugeben, die unsere Rente später zahlen werden – ohne Angst davor, den Kiez verlassen zu müssen oder ihre Wohnung zu kündigen, ohne Aussicht auf eine neue zu haben.

Oft sind alte Verträge trotz ineffizienter Raumnutzung viel günstiger per Quadratmeter als neue, und damit ein Tausch (trotz Umzugsprämie) nicht unbedingt lohnenswert.

Das alleine löst aber noch lange nicht das derzeitige Problem auf dem Wohnungsmarkt, gerade dann nicht, wenn private Wohnungen getauscht und die Miete bei Abschluss von Neuverträgen erhöht werden darf. Oft sind alte Verträge trotz ineffizienter Raumnutzung viel günstiger per Quadratmeter als neue, und damit mit einer einmaligen Umzugsprämie von 2500 Euro nicht unbedingt lohnenswert. Und wer nicht bei einer landeseigenen Baugesellschaft wohnt, der wird meistens auch nicht zu gleichen Konditionen tauschen können. Unterm Strich bedeutet das demnach, dass auch weiterhin nur gut situierte Leute, die sich vergrößern möchten, profitieren können.

Auch Dario und John von tauschwohnung.com sehen den Plan der Senatorin mit kritischem Blick: „Bisher sind nach unserem Gefühl die Wohnungstauschbörsen von Wohngesellschaften und anderen Institutionen sehr mittelalterlich unterwegs – d. h. manuelle Verwaltung und Überprüfung von Angebot und Gesuch, Mieter müssen per Brief ihre Details abgeben, und so weiter.“ Ob das mit der Lösung des Senats – bald dann auf inberlinwohnen.de zu finden – anders wird, bleibt abzusehen.

PS: Herzlichen Glückwunsch, Lia + family :)

Other opinions

  1. […] In light of the strenuous search of apartments on an oversaturated market, the Berlin Senate is launching an official platform for citizens who want to trade their apartments. I talked to a friend who’s been through the ups and downs of trading a flat in Berlin and to the founders of Tauschwohnung.com to find out how the process works – you can read the German editorial here. […]