Wir stehen in einem Garten in Weißensee. Stand einfach so offen. Der Garten ist leer, aber gepflegt: wilde Blumen und Beeren wachsen. Nackte Skulpturen mit überaus hohem Creep-Faktor sind auf den Rasen gesprenkelt. Es ist ein Tempel- der Shri Wadim Shakti Tempel, wie sich herausstellt.

“Früher gab’s hier immer sone Orte, bevor die scheiss Wichsers gekommen sind und alles zugebaut haben”.

Während ich zwischen Apfel- und Pflaumenbäume stampfe, denke ich über die Wichsers nach. Stimmt natürlich: Früher – ich meine nicht das Früher™ der alt-eingesessenen Ur-Berliner, die mit Pilsator-Flaschen nach Zugezogenen werfen und sich als Trümmerfrauen der Berlin-Kultur sehen, weil sie mal 1996 auf einem Industriegelände mit anderen Deutsch-Berlinern ohne Geld zu Dr. Motte getanzt haben BEVOR ES ARM ABER SEXY WAR – konnte man von Neukölln bis Mitte zauberhafte Orte aufspüren. Ich spreche vom magischen Jahr 2008, mein “Früher”.

Das scheint heute ganz anders zu sein: Open Airs gibt’s nicht mehr, es wird nur noch vom Clubsterben geredet, in Mitte wehen nach 20 Uhr die Heuballen durch die Straßen, besetzte Häuser sind Museen, Yuppies verdrängen ärmliche WG-Studenten von ihren neusanierten Dachterrassen. Es ist alles nicht mehr so, wie es einmal war, und das ist nur schwer zu bestreiten.

damalsinberlin.com

Kann man jetzt natürlich nicht ansprechen, ohne die Rolle eines Berlin-Blogs – in der repräsentativen Rolle der Medien – in diesem Kontext  zu thematisieren.

Kurze Geschichte: Ich hab damals die großstädtische Passiv-Aggressivität – wie so viele Dorfpommeranzen – für Weltoffenheit und Toleranz gehalten. Berlin: Endlose Weiten. Friedrichshain-Kreuzberg: dreimal so groß wie meine Heimatstadt. Damals gab’s noch kein Instagram, da musste ein Blog her, um der Welt zu zeigen, wie schön’s doch hier ist. Vor allem entgegen der ganzen alten Säcke, die mir ständig erzählen wollten, wie viel besser Berlin eben in deren früher gewesen war, also so zwischen 1995 und 2005, je nachdem, mit wem man sprach. FindingBerlin wurde mein eigener kleiner Protest gegen die vergreisende Stimmung.

Aber irgendwann wird aus Idealismus Routine und aus persönlichen Erlebnissen Verwundbarkeit. Berlin zu finden – Berlin zu entdecken – sollte ein Portrait urbaner Möglichkeiten, nicht touristischer Richtlinien werden. Das Konzept ist nicht aufgegangen. Dafür gibt es viele Gründe. Der Kapitalismus, das Bienensterben, saudiamerikanische Investoren, steigende Mieten – man kennt die Volkskrankheiten. Ich bin auch schuld, aber nicht, weil ich ein Hipster™ bin oder jedenfalls nicht nur, sondern weil ich irgendwann selbst nicht mehr so genau wusste, was Berlin so spannend und lebenswert macht. Es ist ja auch nicht immer spannend und lebenswert, und schon gar nicht, wenn sich der Mythos anhand von eingezäunten Erlebnissen und Marketingkampagnen und ja, auch Blogs und Instagram-Accounts, selbst reproduziert. Ohne greifbare Inhalte, ohne den sogenannten Spirit. Wo ist der eigentlich geblieben – oder gibt’s den nicht mehr?

Mein Berlin ist alt geworden. Mein Berlin – dieses labile Konstrukt, dass aus Freunden, ein paar Clubs und Bars, ein paar Wohnungen, ein paar Club Mate und die Spree und Köfte und Burger und Fahrrad fahren besteht. Früher haben wir jedes Open Air abgeklappert, heute sind wir auf der Suche nach dem besten Pistazien-Eis. Oder schönen Friedhöfen (ich möchte mich vorbereiten). Und nicht, weil es die Gelegenheiten der Freiheit nicht mehr gibt, sondern weil wir niemanden kennen, der weiß, wo diese wären. Daran ist nichts neues. Wer sich darüber aufregt, dass in Berlin nix geht, der sollte halt nicht unter den Facebook-Events gucken. Wer wirklich glaubt, in Berlin geht nichts, der hat vielleicht einfach keine 20-Jährigen Freunde mehr. Das bedeutet nicht, dass man den Nachzüglern die Tour vermiesen muss, indem man sich blockierend vor die Tür stellt, so wie ein richtiger süddeutscher Reihenhausspießer, der “FRÜHER!!” schreit.

Früher: das ist in Berlin nicht nur eine Referenz an die Zeit, sondern auch an den Ort. Früher, das ist das, was man in Weißensee dann noch sieht: kunterbunte Menschen und Kneipen, die aufeinander klar kommen. Ah, ein richtig beschauliches Dorf, ein bisschen verarmt, ein bisschen verhärmt- das ist unser Berlin!

Das echte Berlin

Sonntag, 16 Uhr. Weißensee ist voll. Alkoholisch gesehen. Egal ob am See selbst – “Görlitzer Park mit Wasser” – oder in den verstaubten Eckkneipen an den Straßen, die Leute – sie sind dicht.

“Hier sieht’s echt noch genauso aus wie damals, als ich hier aufgewachsen bin”, sagt meine Stadtführerin, eine Ur-Berlinerin der Sorte “laissez-faire”, meine Lieblingssorte Mensch, schön mit Icke und Ditte und all das, und genau die Type Mensch, die man sich mal ins Dorf wünschen würde, um den Leuten zu zeigen, dass Offenheit nichts mit schicker Linkspolitik oder Gutmenschsein zu tun hat.

Wir könnten uns den ganzen Tag hinsetzen und zuhören und -gucken, und uns dieser explosiven Mischung erfreuen. Kinder, Eltern, Spießer, Trottel, Rentner, Studenten, Arbeiterklasse, Hartz 4, Pärchen, Touristen, Yuppies, Spanier, viele kackende Hunde, ein paar hässliche Enten und bestimmt gleich eine Prügelei.

Ist das das echte Berlin? Gibt’s das noch in Weißensee? Ich bin mir sicher, auch hier lassen sich ein paar Oberholz-Millenials finden, die schon fleißig am weggentrifizieren sind. Trotzdem fühlt es sich so an wie damals, als alles neu und spannend und anders war; als überall noch Menschen waren, die nicht nur für eine Nacht auf der Warschauer Straße zu Besuch sind.

Mein FindingBerlin ist jemand, der mir einen völlig uninteressanten Fleck der Stadt zeigt und ihn mit Geschichten von Menschen und Begegnungen füllt. Begegnungen – das ist das Stichwort. Die Magie der Stadt liegt inne in ihren Menschen, und es sind die Brachen und leerstehenden Häuser, die ihnen den Platz geben, sich zu treffen. Das kann man natürlich auch in einem Restaurant oder in einer gepflegten Gartenanlage, aber der Spaß an institutionalisierten Erfahrungen hält sich durchaus in Grenzen. Institutionalisiert – das war Berlin lange nicht. Institutionalisiert, also irgendwie offiziell, das ist im Endeffekt auch der Unterschied zwischen der Bar25 und dem Holzmarkt.

Mein Fazit ist also nicht, dass Weißensee heute echter ist als Kreuzberg, sondern dass die zubetonierten Townhouse-Siedlungen hier noch nicht angekommen sind.  Das echte Berlin sind die Orte zwischen A und B, die man noch entdecken kann, und zwar nicht weil sie Neues bergen, sondern weil sie zu Interaktion auffordern.

Und vielleicht ist Weißensee auch deshalb spannend, weil es in den Reiseführern noch nicht auftaucht und man nicht weiß, was einen erwartet. Ein dunkler Fleck auf der Karte muss keine Geheimnisse bergen, um spannend zu sein. Deshalb hängt ja auch keiner am Potsdamer Platz rum, wo Berechenbarkeit sozusagen zu 100% gewährleistet ist.

Reiseführer dürfen nicht unberechenbar sein. Sie müssen aktuell sein. Das funktioniert für Vieles, aber nicht für das, was Berlin ausmacht: die Möglichkeit, alles zu sein. Es wird trotzdem ständig versucht, Geschichte, Authentizität und Unberechenbarkeit einzuzäunen, nur um festzustellen, dass man das ganze Wesen einer Sache damit verändert und zerstört. Man denke da an den Teufelsberg; schade, jetzt wird mal wieder Graffiti eingerahmt. Selbst Touristen erkennen irgendwann, dass die Begegnung mit dem echten Berlin fehlt. Die suchen dann ganz panisch danach in irgendwelchen Ecken vom Berghain oder am Ufer des Landwehrkanals, dort, wo man noch Menschen zufällig treffen kann. Und dort sind sie dann alle auf einmal.

Und natürlich kann man über diese Veränderungen nicht diskutieren, ohne über Schuld zu reden. Wer einen Blog über Berlin hat, also einen Reiseführer (da kann man dann auch nichts mehr relativieren), der muss das auch reflektieren können.

Aber ich nehme nicht für alles die Verantwortung auf. Der Untergang von Berlin und die Verdrängung der sozial Schwachen aus dem Zentrum – dafür kann ich leider nichts, trotz Blog und Instagram. Die kulturelle Totgeburt rund um den Hauptbahnhof herum ist nicht auf meinem Mist gewachsen, die ungebremste Mieterhöhung auch nicht. Berlin hätte eine reformierte Idee von Stadt sein können, ist jetzt aber mit den Betonbunkern, den Townhouses und Seifen-Boutiquen eine weitere  der Stadtentwicklung. Und so manch ein vermeintlicher Ur-Berliner will mir das zum Vorwurf machen; mir und den anderen “Expats”, die sich irgendwo im Dreck der Stadt gegenseitig bekämpfen, während Investmentbanker und russische Oligarchen Hotels und Penthouses bauen.

Da wird dann im ganz großen Stil soziales Ausschlussverfahren praktiziert, da bekämpfen sich arme Menschen mit Einkommensunterschieden von 700 Euro Netto gegenseitig. Die Latte Macchiatto Muttis nehmen den Medizinstudenten die Wohnungen weg, die Start-Up-Angestellten verdrängen die Musiker und Künstler aus ihren Lieblingsclubs, Lehrer, Journalisten und Fashionblogger werden von Linksaktivisten als Hippies und Hipster beschimpft. Gleichzeitig vermieten sie ihre Buden an AirBnB-Surfer, die das letzte bisschen “residential Berlin” am eigenen Leib erfahren möchten, bevor es vom nächsten Hochglanz-Café ersetzt wird.

In der Zwischenzeit baut man eine East Side Mall.

Und die Magie der Begegnung wird zu einer Dauerausstellung: für 15 Euro kann man in den KitKat Club und sich von den Zwängen der Großstadt freivögeln. Ja, wo soll man auch sonst hin?

Trotz allem: Contenance. Denn dass es überhaupt keinen Platz mehr gibt, das halte ich für eine arme Sichtweise, gerade wenn es um Wohnraum gibt. Ja, es gibt keinen Platz mehr in der Innenstadt für Geringverdiener, und das scheint ein internationales Problem von urbanen Ballungsräumen zu sein. Aber wer sich beschwert, weil die 100qm Wohnung nicht mehr 300 Euro kostet (so wie früher halt), während Menschen in London und New York und Bangkok und Hong Kong übereinander klettern wie die Kakerlaken und die aus Syrien und Jemen und Afghanistan einen lebensgefährlichen Triathlon zurücklegen, um es irgendwo hin zu schaffen, wo man keine Angst vor Bomben haben muss. Aber Hauptsache “Ohne Balkon taugt mir die Wohnung nix”.

Das neue Berlin

Vielleicht ist es ein bisschen viel verlangt, dass eine Metropole sich nicht verändern darf.

Selbst, wenn die Mieten in die Höhe schießen und hier ein schönes Café nach dem anderen eröffnet, heißt das nicht, dass die Werte dieser Stadt verloren gehen müssen – es sei denn, man lässt sie. Es gibt so manch einen “Berliner”, der gerne wieder eine Mauer um seinen Kiez hochziehen würde – aus Angst, dass die hippen Leute herkommen und einem das Leben wegnehmen. Und das nennt sich Großstädter…

Die Stadt braucht nicht weniger Menschen – sie braucht mehr Begegnungen. Dazu gehören auch Künstler, auch Muttis, auch Yuppies – auch Arme, auch Besoffene, auch Moslems, auch Geflüchtete.

Mag ja sein, dass die alle nerven, aber mein Gott; machen sie wirklich Berlin kaputt? Das einzige, was Berlin kaputt macht, ist der ständige Hass auf Leute, die herkommen, um Freiheit zu finden – seien sie Kriegs-, Wirtschafts- oder Kulturflüchtlinge. Ja, auch die Liberal Arts Students, die ihr Leben nicht mit malochen verschwenden wollen. Hier ist Platz für alle, sogar für einen kleinen Tempel irgendwo in Weißensee.

Früher ist all das, was die Zugezogenen angeblich den Alteingesessenen klauen. Wer so denkt, der hat seinen Berlin-Aufenthalt vermutlich überzogen.